Kunst/Kultur, Musik

Klassik im Schuppen – Pianosalon Christophori

10. Dezember 2015
Pianosalon Christophori Kammermusik

Es ist schwierig, mit klassischer Musik in Berlin auf sich aufmerksam zu machen. Zu groß ist die Angebotsvielfalt, zu viele Häuser bieten erstklassige kulturelle Unterhaltung. Der Pianosalon Christophori macht trotzdem von sich reden: Mit einem ungewöhnlichen Ambiente, kostenlosem Wein und einer sehr entspannten Atmosphäre.

Tagsüber Werkstatt, abends Salon

Der Pianosalon Christophori ist eigentlich eine Klavierwerkstatt. Historische Hammerflügel werden hier, in den Uferhallen im Wedding, von Grund auf restauriert und mit viel Fachverstand wieder zum Klingen gebracht. Der Beweis lässt nicht lange auf sich warten: Alle 2 bis 3 Wochen lädt der Salon zu einem Kammermusikabend. Lokale oder auch internationale Größen zeigen, was noch in den alten Schätzen steckt, und überzeugen das Publikum mit ihrem Können.

Doch nicht nur Kammermusik wird hier gespielt, auch viele andere Konzerte stehen auf dem Programm. Nicht selten wird an 5 Tagen die Woche Klassik, Jazz oder auch Gesang geboten – eine Auswahl, die den Vergleich mit Berlins großen Häusern nicht scheuen muss, wenngleich das Ambiente unterschiedlicher nicht sein könnte.

Zurück im Paris des 19. Jahrhunderts

Der Pianosalon Christophori bietet Klassik der etwas anderen Art: Hier betritt der Zuhörer nicht einen großen Saal mit teuren Kronleuchtern, Stuck und Balustraden, sondern eine alte Motorenhalle der BVG: die Klavierwerkstatt eben. Die große Tür wird in bester Schuppenmanier aufgeschoben, an der Wand hängen verschiedene Bauteile und das Publikum sitzt auf bunt zusammengewürfelten Holzstühlen mit Sitzkissen – es sollen genau 199 Stück sein.

Diese Atmosphäre ist vom Veranstalter Christoph Schreiber beabsichtigt. Denn nicht nur das Alter der Flügel soll die Zuhörer in die die Welt der Pariser Pianosalons des 19. Jahrhunderts entführen, sondern auch das gesamte Drumherum. Die Werkstatt steht Pate für die Salons der damaligen Pianofabriken, in denen sich die Größen der Zeit die Klinke in die Hand gaben. Und nicht zuletzt gibt es Wein – und zwar so viel, wie Herz und Seele begehren.

pianosalon-wein-saftgläser

Wein aus Saftgläsern – im Pianosalon stört es niemanden

Leben und leben lassen

Der Wein, die Stühle, das Reservierungssystem – alles wirkt locker und entspannt. Smoking und Abendkleid sind nicht nötig, denn hier hat man sich nicht so. Reserviert wird über die Website, seinen Platz findet man dank einer kleinen Liste im Eingangsbereich. Wie bei Hochzeiten: Metzler, C7. Auf den Stühlen liegen noch einmal Namenszettel. Und wenn man ohne abzusagen nicht kommt? Dann sitzt man beim nächsten Mal einfach weiter hinten. Auf den Strafplätzen sozusagen.

Die Crux mit dem Eintritt

Wir hatten einen wunderschönen Abend mit hervorragender Musik – und trotzdem blieb ein kleiner, fader Beigeschmack. Grund ist die plötzliche Humorlosigkeit des Veranstalters, wenn es um das Eintrittsgeld geht. Das ist umso verwunderlicher, da ein festes Eintrittsgeld eigentlich gar nicht existiert. Bei einigen wenigen Konzerten wird auf der Website ein Preis angegeben, doch meist schweigt man sich zu diesem Thema aus. Auch bei der Reservierung warteten wir vergeblich auf eine Zahl mit Eurozeichen. Als wir daraufhin googelten, stießen wir auf einen Artikel der Morgenpost, der erklärte, die Konzerte fänden größtenteils auf Spendenbasis statt. Super, dachten wir, dann können ja auch Niedrigverdiener, Studenten oder Hartz-4-Empfänger hier in den Genuss von Kultur kommen – wie sympathisch!

Doch in diesem Punkt hatten wir uns leider zu früh gefreut. Denn der Salon agiert zwar tatsächlich auf Spendenbasis, aber man hat eine sehr klare Vorstellung davon, wie hoch diese Spende auszufallen hat. In unserem Fall wurden 15,00 € verlangt, an einem anderen Abend waren es 12,00 € – beide Male wurde jede Gabe beim Verlassen des Salons penibel kontrolliert. Das sind zwar keine hohen Preise, aber eben auch keine Spenden. Und eine kleine Vorwarnung würde den ein oder anderen Besucher vor einem sehr peinlichen Moment bewahren.

 


Kurzinfo

Pianosalon Christophori:

  • Konzerte s. Website
  • Feste Spende nach Konzertschluss

 

 


 

Autor-bildVerena Metzler ist begeisterte Wahlberlinerin und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Neuberlinern und Touristen das Berlin zu zeigen, das sich abseits der ausgetretenen Touristenpfade verbirgt. Hauptberuflich arbeitet sie als freie Lektorin und Texterin.

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply