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Allein im Museum: Das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst

26. Dezember 2015
Deutschland zwischen den Siegermächten Karikatur

Am 8. Mai 1945 unterzeichneten die deutschen Oberbefehlshaber von Heer, Luftwaffe und Kriegsmarine die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Heute ist der Ort der Unterzeichnung in Berlin-Karlshorst ein Museum. Es erinnert an den Tag, der den Zweiten Weltkrieg in Europa beendete, sowie an den Vernichtungskrieg des Nationalsozialismus gegen die Sowjetunion.

Ein Museum am Ort der Kapitulation

Im Villenviertel Ostberlins gelegen, ist das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst eine gefühlte Tagesreise vom Zentrum entfernt. Direkt zum Museum fährt nur ein Bus, von der S-Bahn muss man 15 Minuten laufen. Und trotzdem kann die Stadtvilla, die in den 1930er Jahren als Offizierskasino der Heerespionierschule der deutschen Wehrmacht erbaut wurde und in der das Museum untergebracht ist, nicht nur auf eine recht bewegte Vergangenheit zurückblicken, sondern beherbergt außerdem einen der historisch bedeutungsvollsten Räume der jüngeren deutschen Geschichte.

Museum und Mahnmal zugleich

Das Herzstück des Museums ist der große Saal, in dem noch immer die Tische gedeckt sind und die teuren Stühle in Reih und Glied stehen. Hier wurde in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht von Generalfeldmarschall Keitel (Heer), Generaladmiral von Friedeburg (Kriegsmarine) und Generaloberst Stumpff (Luftwaffe) unterzeichnet.

Saal der Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation-Tisch-Stühle-Flaggen

Saal der Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation

Sie waren von Dönitz, der nach Hitlers Selbstmord am 30. April 1945 die Staatsgeschicke lenkte, dazu bevollmächtigt worden, und ratifizierten mit ihrer Unterschrift die bedingungslose Kapitulation, die bereits einen Tag zuvor in Reims von Generaloberst Alfred Jodl unterschrieben worden war. Und obwohl einige verstreute Gruppen den Kampf in den folgenden Tagen fortsetzten, war mit dieser Unterschrift der Zweite Weltkrieg in Europa offiziell beendet.

Und doch ist dieser Tag nur einer von vielen, an den das Deutsch-Russische Museum erinnert. Denn in den meisten Räumen des zweistöckigen Museums widmen sich die deutschen und russischen Träger dem Vernichtungskrieg des Nationalsozialismus gegen die Sowjetunion.

Historische Dokumente als Zeitzeugen

Den Grundstock des Museums lieferte das „Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg”, das von 1967 bis 1990 hier bestand. Ergänzt wurde die Sammlung durch Material zahlreicher Museen beider Länder sowie von Privatpersonen. Herausgekommen ist eine umfangreiche und durchaus verstörende Sammlung historischer Originaldokumente bestehend aus Tagebuchauszügen, Fotografien, Kunst, Zeitungen und Kleidungsstücken, die auch heute noch die Kraft und Gefährlichkeit umfassender Propaganda und gelenkten Hasses vergegenwärtigen und ein klares Bild des Vernichtungskrieges sowie der Kriegsverbrechen gegen die sowjetische Zivilbevölkerung zeichnen.

Kostenlose Führung jeden Sonntag

Das Museum beherbergt einen der bedeutungsvollsten Räume der jüngeren deutschen Geschichte und ist somit von großer historischer Bedeutung. Darüber hinaus ist der Eintritt frei und jeden Sonntag wird eine kostenlose Führung angeboten. Selbst für Familien mit kleinen Kindern können wir das Museum empfehlen, denn obwohl die Ausstellung an sich eher schwere Kost ist, stehen im Garten des Anwesens verschiedene Panzer, die allesamt bestaunt werden können.

Dennoch haben wir kaum andere Besucher angetroffen, was vor allem an der Entfernung zum Stadtzentrum liegen dürfte. Wer also immer schon mal allein in einem Museum in Berlin sein wollte, sollte sich das Deutsch-Russische Museum nicht entgehen lassen. Der Informationsgehalt ist ebenfalls sehr hoch – zu hoch für empfindliche Gemüter, aber zum Glück kann jeder selber entscheiden, wie viel er lesen möchte.

Das Museum konzentriert sich jedoch fast ausschließlich auf die deutschen Verbrechen und klammert die russischen Verbrechen an der deutschen Bevölkerung weitestgehend aus. Das ist insofern nachvollziehbar, als das nationalsozialistische Deutschland den Krieg begonnen und gerade an den slawischen Völkern unvorstellbare Kriegsverbrechen begangen hat. Dennoch bildet das Museum die Zeit von 1941 bis 1945 dadurch nur einseitig ab – unser einziger Kritikpunkt.

 


Kurzinfo

Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst:

  • Di. – So. 10:00 – 18:00
  • Montag geschlossen
  • Sonntag 15:00 kostenlose Führung (keine Voranmeldung)
  • Eintritt frei
  • Anfahrt s. Website

 


 


 

Autor-bildVerena Metzler ist begeisterte Wahlberlinerin und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Neuberlinern und Touristen das Berlin zu zeigen, das sich abseits der ausgetretenen Touristenpfade verbirgt. Hauptberuflich arbeitet sie als freie Lektorin und Texterin.

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